Erziehungsstellenkind zerstört Lieblingskleid

Erziehungsstellenkind Lina zerstört ihr Lieblingskleid und schneidet sich die Haare ab

Liebe Lesende,

gerade sitze ich mit einer leckeren Tasse Kaffee an meinem Schreibtisch. Es ist noch dunkel draußen. Morgens nutze ich die Zeit gerne für mich, bevor der Trubel des Tages beginnt. Der Kaffee duftet herrlich. Obwohl ich ein chaotischer Mensch bin, genieße ich dieses Ritual am Morgen besonders gerne.
Bestimmt haben auch Sie einen Ablauf am Tag, den Sie besonders mögen. Ich habe sogar mehrere! Abends auf der Couch, in meine Kuscheldecke gewickelt, schaue ich gerne einen guten Detektivfilm und rätsele mit. Manchmal schaffe ich es sogar, vor dem Ende herauszufinden, wer der Täter oder die Täterin ist.

Und daneben gibt es Momente im Leben, in denen ich überfordert bin. Wenn sich Aufgaben stapeln und ich in eine Prokrastination falle – ich schiebe und schiebe, bis ich Dinge machen muss (oder es schon zu spät ist. „Hallo liebe Steuerberaterin!“). Oder wenn sich Besuch ankündigt, und ich in Hektik noch schnell aufräume. Der wahre Horror für mich. Oder noch schlimmer, das Internet fällt für mehrere Tage aus und mein digitales Leben bricht weg. Totale Überforderung setzt bei mir ein.

Die Bedeutung von Resilienz

Wir haben irgendwann gelernt, mit solchen Situationen umzugehen. Ist das Internet weg, beschäftigen sich meine Kinder tatsächlich mit Büchern oder ihren Klemmbausteinen. Und ich putze mal außerhalb der Reihe. Wir wissen, dass nach einem schlechten Tag, an dem wir überfordert sind, ein guter Tag folgen kann. Oder dass abends doch noch die Kuscheldecke und die Detektive – oder eine Komödie auf einen warten. Wir haben gelernt, auf uns und unsere Bedürfnisse zu achten. Auch haben wir gelernt, mit schwierigen Situationen umzugehen. Im Fachjargon heißt dies „Resilienz“.

Wir können mit Reizen umgehen, ob gut oder schlecht. Wir geraten nicht in Panik, wenn ein Rettungswagen an uns vorbeifährt. Wir freuen uns auf einen Ausflug in einen Familienpark und sind nachher glücklich wegen der schönen Eindrücke, die wir sammeln konnten – oder traurig, weil die Schlange zum Anstehen zu lang war und wir nicht sechsmal mit der Wildwasserbahn fahren konnten.
Wir wissen, wie wir mit schlechten und mit guten Gefühlen umgehen müssen. Was wir tun können, wenn wir uns vielleicht unbedeutend fühlen oder wenn etwas schiefläuft. Weil wir uns selbst liebhaben.

Was aber, wenn man nicht gelernt hat, mit solchen Reizen umzugehen? Wenn man nicht gelernt hat, wie es sich anfühlt, am Abend gemütlich in einer Kuscheldecke zu liegen und selig zu sein.

Dann gibt es einen guten Grund, an diesem Gefühl etwas zu verändern.

Erziehungsstellenkind Lina

Liebe Lesende, heute möchte ich Ihnen das Erziehungsstellenkind Lina vorstellen. Lina ist 8 Jahre alt, zierlich für ihr Alter. Sie hat strahlend blaue Augen, kleine braune Locken rahmen ihren Kopf ein und wippen, wenn sie geht. Ihre Lieblingsfarbe ist blau, jetzt zu Karneval verkleidet sie sich natürlich als Elsa von Frozen. Eine Prinzessin in einem blauen Kleid zu sein, ein Traum – schon seit Wochen hüpft Lina freudig mit ihrem Kostüm durch die Wohnung der Erziehungsstellenfamilie. Lina lebt bei Anja, einer Einelternfamilie. Die beiden sind ein eingespieltes Team, weil Lina seit ihrem dritten Lebensjahr bei Anja wohnt. Erziehungsstellenmutter Anja achtet sehr auf einen strukturierten Alltag für beide, dies schafft – meistens – Sicherheit und Geborgenheit. Wöchentlich kommt die für die Familie und Lina zuständige Fachberatung von Context e.V. zu Besuch. Doch gerade bei der Beratung diese Woche ist etwas anders.

Herausforderndes Verhalten von Erziehungsstellenkind  Lina – Lieblingsdinge zerstören

Anja und Lina waren am Wochenende in Bochum das Musical Starlight Express anschauen. „Richtig toll“, berichten beide. Und dann ist Lina abends nach dem Abendessen in ihr Zimmer zum Spielen gegangen, wie immer. Anja schaute nach ihr, weil es Zeit für die abendliche Routine, Zähneputzen, Buch lesen, etc. war. Sie fand Lina still in ihrem Zimmer vor. In der einen Hand ihr geliebtes Elsa-Kostüm und in der anderen Hand eine Bastelschere. Das Kostüm war zerstört. Auch ein paar der braunen Locken lagen auf dem Boden. Lina sprach nicht, starrte in den Raum.

Die Erziehungsstellenmutter hätte wütend reagieren können. Sie hätte schimpfen können oder ihre Fassungslosigkeit zeigen können.

Aber Anja entschied sich in diesem Moment dazu, Lina die Sachen aus der Hand zu nehmen, ruhig alles einzusammeln, was auf dem Boden lag und Lina bettfertig zu machen. Der Anruf an ihre persönliche Fachberatung erfolgte kurz, nachdem Lina schlief. Der Fachberatung gegenüber kann sich Anja wütend, traurig und fassungslos zeigen. Hier wird ihr der Raum gegeben, sich so zu fühlen, sie kann ihre Sorgen und Ängste besprechen.

Pädagogische Fachberatung

Manchmal fühlt sich die Arbeit mit Erziehungsstellenfamilien und den Kindern tatsächlich wie ein kleiner Detektivfall an. Auslöser für Handlungen erkennen, zum Beispiel. Wie Hobbydetektive gehen Anja und die Fachberatung den Tag durch. Was könnte passiert sein? Was hat Lina dazu bewegt, ihr geliebtes Kostüm und ihre Locken, auf die sie so stolz ist, zu zerschneiden? Um dies eventuell zu verstehen, müssen wir in Linas Vergangenheit schauen.

Gute Gründe für Linas Verhalten

Bei Lina liegen mehrere Diagnosen vor. Eine Bindungsstörung, eine Traumafolgestörung sowie eine Deprivation im Kleinkindalter sind nur Teile davon, die davon zeugen, was Lina in den ersten drei Lebensjahren erfahren hat. Oder eben nicht erfahren durfte. Möglicherweise hat Lina niemanden gehabt, der sich um sie gekümmert hat. Der mit ihr gespielt hat. Vielleicht war sie viel für sich allein. Vielleicht ist sie still geworden und hat das Gefühl entwickelt, dass sie nicht wichtig sei, dass sich niemand für sie interessiert, sich niemand um sie kümmert und negative Gefühle der Normalzustand sind.

Und dann kommt er: Der Tag an dem alles wunderschön ist. Wo die tollen Kostüme der Schauspieler beim Musical so fantastisch sind, die Musik so schön und gefühlvoll und ein glückliches Ende folgt, bei dem Lina zum Schluss noch ein Happy Meal bekommt. Wo jemand für sie da ist und sich sehr um sie bemüht.

Und manchmal ist dies zu viel für Lina. Die Gefühle, die Reize, die vielen positiven Stimmungen. Das Glücksgefühl. Es ist vermutlich unerträglich für sie. Also muss Lina trotz ihrer bereits inzwischen gesammelten vielen guten Erfahrungen ihre „alten“ Gefühle wiederherstellen. All die negativen Gefühle, das Alleinsein, das Gefühl, nicht glücklich sein zu dürfen und dass schöne Dinge nicht bei ihr sein dürfen.

Was ist Übertragung?

Was unser Erziehungsstellenkind Lina tut, nennt sich Übertragung. Sie muss ihr Weltbild wieder geraderücken und das geschieht, in dem sie heißgeliebte Dinge, wie ihr Elsa-Kleid und ihre Locken, abschneidet und zerstört. Dann sind diese Dinge nicht mehr bei ihr, oder sind kaputt. Also ist für Lina ein Teil ihrer Welt wieder „in Ordnung“, aber irgendwie auch nicht.

Lina hat also einen guten Grund, ihr Lieblingskleid zu zerschneiden. Und irgendwann wird Lina zusammen mit ihrer Erziehungsstellenmutter Anja durch wiederholtes Durchleben ihres Misstrauens und ihrer Angst neue Erfahrungen kreieren. Und deswegen bestellt Anja kurzum ein neues Kostüm. Und spricht mit Lina darüber. Es werden nun feste Tage in den Alltag eingepflegt, an denen Spaß und Freude ganz oben stehen!

Im nächsten Beitrag sprechen wir über Erziehungsstellenkind Paul. Auch Paul hat einen guten Grund.

 

Erziehungsstellenkind Maria spricht fremde Menschen an und möchte mit Ihnen mitgehen. Welche guten Gründe hat sie für ihr Verhalten?

Gute Gründe – Maria

 

Sie möchten mehr aus dem Leben unserer Erziehungsstellenfamilien erfahren? Hier finden Sie einen ganz persönlichen Erfahrungsbericht.

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