Besonderes Essverhalten von Pflegekindern und Erziehungsstellenkindern

Liebe Lesende,

heute werfen wir einen Blick auf das Essverhalten von Pflegekindern und Erziehungsstellenkindern, denn gerade beim Essen nehmen die Eltern häufig Auffälligkeiten wahr. Aber fangen wir von vorne an und begleiten Sie mich wieder in eine unserer Erziehungsstellenfamilien:

Wir besuchen heute gemeinsam Familie M. Es ist 15:00 Uhr, wir fahren einen kleinen Weg entlang, ähnlich einer Allee. Am Ende der Straße stehen mehrere kleinere Häuschen. Das mit dem kleinen Vorgarten, den Wildblumen und den lustigen Windspielen in den Bäumen ist das Zuhause unserer Familie. Auf dem amerikanischen Briefkasten stehen mehrere bunte Namen: Sophia und Matteo, das sind die Eltern, Emma S., Elias S. und Anna.

Wer lebt in der Familie?

Im Garten treffen wir auf die Familie. Es wird ordentlich gewuselt. Mittendrin steht Anna. Sie ist gerne im Geschehen und hilft ihrem Papa beim Unkraut zupfen. Anna ist 6 Jahre alt und das leibliche Kind der Erziehungsstellenfamilie. Vor kurzem hat sich die Familie dazu entschieden, ein Erziehungsstellenkind aufzunehmen. Und sind drei Kinder nicht besser als zwei? Seit gut 6 Monaten leben nun Emma und Elias bei Familie M. Elias ist der kleine Bruder von Emma. Die beiden sind (und waren) unzertrennlich.

Essverhalten des Erziehungsstellenkindes Elias

Elias weist für seine 14 Monate eine sehr ausgeprägte Selbstständigkeit auf. Dies können wir auch gerade beobachten. Zielsicher greift er in den Obstkorb und holt sich eine Banane. Diese schält er selbstständig und isst sie genüsslich. Generell weiß Elias stets, wo es Essbares gibt. Dazu überwindet er auch gerne Höhenunterschiede. Und erst letztens hat er herausgefunden, dass er einen Apfel mit Schale essen kann. Frau M. bezeichnet Elias daher liebevoll als kleinen Mogli, nicht zuletzt auch wegen seiner Kletterkünste.

Essverhalten des Erziehungsstellenkindes Emma

Emma mit ihren 4 Jahren hingegen verhält sich etwas anders, als ihr jüngerer Bruder. Sie isst gerne und viel, fast schon schlingt sie alles, was sie bekommen kann, in sich hinein. Seltsam, oder?

Auffälliges Verhalten – Essen horten

Erst vor kurzem haben die Erziehungsstelleneltern festgestellt, dass Emma zusätzlich zu ihrem Drang nach Essen auch Nahrung hortet. In ihrem Zimmer steht eine Kommode. In der untersten Schublade sammeln sich allerhand – vormals – essbare Dinge – Bananen, Brötchen, Süßigkeiten. Egal was, Emma hat das Bedürfnis, es zu verstecken.

Das ist natürlich ein Problem. Die Banane ist schon nicht mehr nur braun, sondern hat einen deutlichen Schimmelstatus erreicht. Auch sonst wirkt die Schublade eher wie in ein Bioabfalleimer.

Neben dem gesundheitlichen Aspekt gehen wir heute innerhalb der Beratung mit der Familie dem guten Grund von Emmas, aber auch von Elias Essverhalten, auf die Spur.

Und hier müssen wir uns mit der Vergangenheit der beiden Kinder beschäftigen.

Blick in die Biografie von Pflege- und Erziehungsstellenkindern

Sowohl Elias als auch Emma zeigen Verhaltensmuster in ihren Essgewohnheiten, die auf eine erhöhte Deprivation in ihrer Vergangenheit hinweisen. Höchst wahrscheinlich haben beide Kinder in ihrer frühesten Kindheit Hunger erlitten.

Hungererfahrung in der Kindheit und auffälliges Essverhalten

Bei Elias führt dies zu einer erhöhten Selbstständigkeit – so kann er sich trotz seines jungen Alters schon selbstständig (frühautonom) versorgen und probiert viele Dinge aus.

Bei Emma führt dies zu dem Drang nach Sicherheit. Sicherheit in Form von verfügbarem Essen. Auch das Gefühl, nie genug zu bekommen, muss befriedigt werden. Darum hortet sie Essbares, um sich diese Sicherheit, die sie aus frühen Zeiten nicht kennt, zu ermöglichen.

Sicherheit in Form von Essen

Natürlich werden Sie, liebe Lesende, jetzt vermuten, dass Emma durchaus bei Familie M. alles bekommt, was sie braucht. Und das ist auch so. Aber Emmas Körper hat abgespeichert, dass es nie genug Nahrung geben wird. Selbst die Sicherheiten, die ihr nun geboten werden, können in Teilen an dem Gefühl des Kindes manchmal nichts ändern. Höchstwahrscheinlich wird Emma noch sehr lange diese Suche nach Sicherheit zeigen.

Erziehungsstellenfamilie als sicherer Ort, um Versäumtes aufzuholen

Also entscheidet sich die Erziehungsstellenfamilie heute nach der Beratung dazu, mit Emma zu sprechen. Die Schublade bleibt. Aber die verderblichen Lebensmittel werden wohl gegen andere ausgetauscht. Emma erhält dadurch nach und nach die Gewissheit, dass Nahrung für sie immer greifbar ist. Und auch Elias wird der Raum geboten, Kleinkind zu sein, nachnähren zu dürfen. Denn für beide wird bestens gesorgt.

 

Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, laden wir Sie herzlich ein, weitere Erziehungsstellenfamilien, Kinder und ihre „guten Gründe“ kennenzulernen.

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Bei Moses Online finden Sie weitere Fachartikel zum Essverhalten von Pflegekindern.

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