Voraussetzungen Erziehungsstelle § 33.2

Voraussetzungen für Erziehungsstellen gemäß § 33 Satz 2 SGB VIII

Wer eine Erziehungsstelle nach § 33 Satz 2 SGB VIII werden und ein Pflege- bzw. Erziehungsstellenkind aufnehmen möchte, muss einige Voraussetzungen erfüllen. Diese sind bisher in keinem bundeseinheitlichen Gesetz festgeschrieben. Dennoch gibt es Kriterien, die für die Beurteilung einer Eignung als Erziehungsstellenfamilie gemäß § 33 eine Rolle spielen.

Diese Beurteilungskriterien kann man in zwei Kategorien einteilen:

  • Formale Voraussetzungen
  • Persönliche Eignung

Wir haben hier die wichtigsten Punkte zusammengefasst.

1. Formale Voraussetzungen, um ein Pflegekind/ein Erziehungsstellenkind aufnehmen zu können:

  1. Einwandfreies erweitertes polizeiliches Führungszeugnis
  2. Ausreichend Platz für ein Kind
  3. Gesichertes Einkommen
  4. Keine schwerwiegenden gesundheitlichen Einschränkungen
  5. Keine Einträge beim Jugendamt
  6. Ausreichend Zeit für ein Kind
  7. Einverständnis aller im Haushalt lebenden Personen
  8. Stabiles (familiäres) Umfeld

Was bedeutet das im Detail?

Ein einwandfreies erweitertes polizeiliches Führungszeugnis

Die Erziehungsstelleneltern und alle im Haushalt lebenden Personen ab 16 Jahren müssen ein einwandfreies erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Das gilt nicht nur für die Pflege- oder Erziehungsstelleneltern, sondern zum Beispiel auch für mögliche leibliche Kinder oder Großeltern, wenn diese im gleichen Haushalt leben.

Ausreichend Platz für ein Kind

Für das Pflegekind/Erziehungsstellenkind muss ein eigenes Zimmer als Rückzugsort zur Verfügung stehen. Darüber hinaus sollte das Zuhause der Familie sich im Allgemeinen für den Einzug eines Kindes eignen.

Ein gesichertes Einkommen

Erziehungsstelleneltern müssen in gesicherteren wirtschaftlichen Verhältnissen leben. Die Entscheidung ein Kind aufzunehmen, sollte von Herzen kommen und nicht finanziell motiviert sein. Die finanzielle Honorierung der Pflegeleistung durch das Jugendamt sollte also nicht den Lebensunterhalt der Familie bestreiten.

Keine schwerwiegenden gesundheitlichen Einschränkungen

Erziehungsstelleneltern benötigen ein ärztliches Gesundheitszeugnis, um sicherzustellen, dass ihr Gesundheitszustand sie nicht daran hindert, das Pflegekind/Erziehungsstellenkind gut zu versorgen. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass man keine Erkrankung haben darf. Wichtig ist eine offene Kommunikation als solide Grundlage für eine Einzelfallentscheidung.

Keine Einträge beim Jugendamt

Beim örtlichen Jugendamt dürfen keine negativen Einträge über die potenziellen Erziehungsstelleneltern vorliegen.

Ausreichend Zeit

Wer ein Pflegekind/Erziehungsstellenkind aufnimmt, muss über die zeitlichen Ressourcen verfügen, sich angemessen um ein Kind kümmern zu können.

Einverständnis aller im Haushalt lebenden Personen

Alle Familienangehörigen, bzw. alle im Haushalt lebenden Personen, sollten mit der Aufnahme eines Kindes einverstanden sein. Auch mit leiblichen Kindern (falls vorhanden) sollten zukünftige Erziehungsstelleneltern vorab offen in den Austausch gehen, denn die Aufnahme eines Kindes hat auch Auswirkungen auf ihr Leben.

Stabiles Umfeld

Ein stabiles Umfeld und langfristige Beziehungen und Bindungen zu anderen Menschen (familiär, partnerschaftlich oder freundschaftlich) geben uns Halt, Orientierung und Sicherheit. Wer verlässliche Menschen an seiner Seite hat, erfährt Unterstützung, Verständnis und kann meistens ein offenes Ohr finden. Eine wichtige Ressource für alle (Pflege- und Erziehungsstellen-)Eltern.

Voraussetzungen für Erziehungsstellen gem. § 33 Satz 2 SGB VIII

Voraussetzungen Erziehungsstelle

2. Persönliche Eignung, um ein Pflegekind/Erziehungsstellenkind aufnehmen zu können:

Die persönliche Eignung spielt bei der Auswahl von Erziehungsstelleneltern eine besondere Rolle. Welche persönlichen Stärken bringen die zukünftigen Eltern mit und auf welche individuellen Ressourcen können sie zurückgreifen, um ihrer verantwortungsvollen Aufgabe mit allen Höhen und Tiefen langfristig nachkommen zu können?

Wer ein Kind aufnehmen möchte, sollte über folgende Eigenschaften verfügen:

  • Empathie
  • Einfühlungsvermögen
  • Toleranz
  • Flexibilität
  • Geduld
  • Kooperationsbereitschaft
  • Lernbereitschaft
  • Belastbarkeit
  • Reflektionsbereitschaft
  • Lebenserfahrung
  • Erzieherische/pädagogische Kompetenz oder die Bereitschaft, diese zu erwerben

Der Rucksack von Pflegekindern/Erziehungsstellenkindern

Pflegekinder/Erziehungsstellenkinder bringen ihren eigenen Rucksack an Erfahrungen mit. Dieser kann grösser oder kleiner ausfallen, mal mit mehr oder weniger Gewicht befüllt sein und mal früher oder später geöffnet und ausgepackt werden. Für die Erwachsenen bedeutet das erst einmal geduldig zu sein und dem Kind empathisch und offen zu begegnen. Auch ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen ist gefragt.

Öffentliche Familie

Zukünftige Pflege- und Erziehungsstelleneltern sollten sich auch darüber im Klaren sein, dass sie eine Art „öffentliche“ Familie werden. Es sitzen immer weitere Parteien mit am Entscheidungstisch. Das Jugendamt gehört zum Beispiel dazu. Oft haben Pflegekinder/Erziehungsstellenkinder Vormünder:innen. Manchmal liegt das Sorgerecht auch bei den leiblichen Eltern. Erziehungsstellenfamilien werden zudem von einem freien Träger – wie Context e.V. – begleitet und beraten. Manche Entscheidungen kann man daher nicht allein treffen und die Zusammenarbeit aller Beteiligten ist gefragt. Daher sollten Pflege- und Erziehungsstelleneltern kommunikativ sein und ein hohes Maß an Kooperationsbereitschaft besitzen.

Familienalltag

Dazu kommt noch der normale Familienalltag. Das Leben mit Kindern, egal ob leibliche Kinder oder Pflegekinder/Erziehungsstellenkinder, ist oft überraschend, hält sich nicht an Pläne und bringt alle Eltern gelegentlich aus dem Takt. Wer mit Kindern zusammenlebt, sollte auf jeden Fall belastbar, tolerant und flexibel sein, um am Ende des Tages auch mal Fünfe gerade sein zu lassen.

 

Leser:innen, die mehr über den Familienalltag als Erziehungsstelle erfahren möchten, sind herzlich eingeladen hier eine unserer Familien kennenzulernen.

Erziehungsstellenfamilie P.

Wer mit dem Gedanken spielt ein Kind aufzunehmen, erfährt hier mehr über den individuellen Weg zur Erziehungsstelle.

Der Weg zur Erziehungsstelle

Das könnte Sie auch interessieren

9 Min.
Katja Gladbach

12. Juni 2024

Schulung Erziehungsstellen

Erziehungsstelleneltern gem. § 33 Satz 2 SGB VIII benötigen nicht zwingend eine pädagogische Ausbildung oder Studium. Ein Vorbereitungsseminar beim Träger/Jugendamt ist jedoch Pflicht. Wir erklären, wie wir unsere Familien qualifizieren und stetig weiterbilden.
Mehr erfahren
5 Min.
Interview Erziehungsstelle

17. Mai 2024

Erziehungsstelle Erfahrungsbericht

"Ich war voll berufstätig, hatte meinen letzten Arbeitstag und am nächsten Tag zog unser Erziehungsstellenkind ein. Also wirklich eine Art Blitzgeburt. Und so hatten wir auf einmal ein Kind zu Hause und haben uns gefragt „Wie fühlt er sich jetzt hier?“. Es war ja alles fremd für ihn.
Mehr erfahren