Muttertag für Erziehungsstellen- und Pflegekinder

Der Muttertag – seine Entstehung und die Bedeutung für Erziehungsstellen- und Pflegekinder

Aufgrund ihrer Biografie kann der Muttertag für Erziehungsstellen- und Pflegekinder zu einer emotionalen Herausforderung werden. Wir beleuchten in diesem Beitrag die Hintergründe dafür, geben Tipps für den Umgang mit dem Gefühlschaos und werfen einen Blick auf die Geschichte des Muttertages.

Der Muttertag – seine Entstehung und seine Entwicklung: Von Amerika nach Deutschland

Der Muttertag, wie wir ihn heute kennen, hat seine Ursprünge in den Vereinigten Staaten des frühen 20. Jahrhunderts. Die amerikanische Aktivistin und Frauenrechtlerin Anna Jarvis wird oft als die „Mutter des Muttertags“ bezeichnet. Nach dem Verlust ihrer eigenen Mutter im Jahr 1905 begann Jarvis, sich für einen besonderen Tag einzusetzen, an dem alle Mütter geehrt und geschätzt werden sollten.

Muttertag wird zum Feiertag in den USA

Anna Jarvis startete eine Kampagne, um den Muttertag als offiziellen Feiertag zu etablieren. Ihre Bemühungen trugen Früchte, und 1914 erklärte der damalige US-Präsident Woodrow Wilson den zweiten Sonntag im Mai zum offiziellen Muttertag. Diese Initiative verbreitete sich rasch über die Grenzen der USA hinaus.

Erster Muttertag in Deutschland

In Deutschland wurde der Muttertag erstmals im Jahr 1922 gefeiert, und zwar auf Initiative des Verbandes Deutscher Blumengeschäftsinhaber. Inspiriert von der amerikanischen Tradition, bewarben die deutschen Blumenhändler den Muttertag, um den Verkauf von Blumen zu fördern.

Die Idee des Muttertags gewann in Deutschland schnell an Popularität und verbreitete sich im ganzen Land. Bald begannen auch andere Geschäftsleute, den Muttertag zu nutzen, um ihre Waren zu verkaufen und die Mütter zu ehren.

Muttertag als Propagandamittel im Nationalsozialismus

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Muttertag in Deutschland stark politisiert und als Mittel zur Förderung der „Mutterkultur“ und des „arischen“ Familienideals benutzt. Frauen wurden ermutigt – und aufgefordert -, viele Kinder zu gebären und als Mütter dem Staat zu dienen. Der Muttertag wurde zu einer staatlich geförderten Veranstaltung mit offiziellen Feiern und Ehrungen für „verdiente Mütter“.

Muttertag nach dem 2. Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Muttertag in Westdeutschland als Tag der Wertschätzung und der Liebe für die Mütter wiederbelebt, während er in der DDR zunächst abgeschafft wurde, da er als kapitalistisch galt. In den 1970er Jahren wurde der Muttertag jedoch auch in der DDR wieder eingeführt, mit einem stärkeren Fokus auf die soziale Anerkennung der Mütter und weniger im Hinblick auf einen kommerziellen Aspekt.

Muttertag zwischen sozialer Anerkennung und Kommerz

Heute wird der Muttertag in Deutschland ähnlich wie in vielen anderen Ländern gefeiert. Es ist ein Tag, an dem die Mütter geehrt und verwöhnt werden, sei es durch Blumen, Geschenke, gemeinsame Mahlzeiten oder einfach durch liebevolle Gesten und Worte der Dankbarkeit.

Muttertag für Erziehungsstellen- und Pflegekinder

Der Muttertag kann für Erziehungsstellen- und Pflegekinder eine vielschichtige emotionale Erfahrung bedeuten. Zum einen erleben sie, Teil einer Familie zu sein, in der es eine Mutter gibt, die alle Eigenschaften einer Mutter mitbringt, wie: ich werde emotional umsorgt und genährt (Trost, Anerkennung, Wertschätzung, liebevolle Ansprache etc.); ich bekomme zubereitete und regelmäßige Mahlzeiten; ich habe immer frische Sachen zum Anziehen und wenn ich krank bin, dann werde ich gesund gepflegt. (Diese umsorgenden „Tätigkeiten“ sind gesellschaftlich als so typisch weiblich etabliert, dass Männer, die diesen Part in der Familie übernehmen, eben als sehr „mütterlich“ gelten. In unseren Erziehungsstellenfamilien haben wir einige sehr mütterlich agierende Väter!)

Zum anderen kann der Muttertag für Erziehungsstellen- und Pflegekinder auch bedeuten, daran erinnert zu werden, dass die eigene leibliche Mutter nicht in der Lage war/ist, sich ausreichend gut um sie zu kümmern. Dies reicht von einfacher Vernachlässigung bis hin zu schweren psychischen und physischen Misshandlungen, die diese Kinder erleben mussten.

Ambivalente Gefühle am Muttertag für Erziehungsstellen- und Pflegekinder

Damit kann der Muttertag hoch ambivalent für Erziehungsstellen- und Pflegekinder sein. Neben der Freude, endlich eine Mutter zu haben, die sich um mich kümmert, kann auch Traurigkeit entstehen, dass die leibliche Mutter leider nicht so ist, wie die Erziehungsstellen- oder Pflegemutter. Und nicht selten kommen Fragen auf, wie: warum hat meine Mutter sich nicht um mich gekümmert? Da es aus Kindersicht oft keine gute Erklärung dafür gibt, gerade wenn sie schwer misshandelt worden sind, schwingt mit dieser Frage häufig auch ein Schuldgefühl mit und die Idee: „hätte ich mich doch besser verhalten“ oder „wenn ich mich nur mehr angestrengt hätte“, – dann könnte ich heute noch bei meiner leiblichen Mutter wohnen. Ein kindlicher Trugschluss.

Herausforderung Muttertag für Erziehungsstellen- und Pflegeeltern

Die Herausforderung, vor der Erziehungsstellen- und Pflegeeltern generell stehen, ist zu vermeiden, in Konkurrenz mit dem Herkunftssystem zu gehen. Selbst der oben aufgeführte Gedanke „wenn ich nur besser gewesen wäre, dann wäre ich heute noch bei meiner leiblichen Mama“, muss zum einen erlaubt sein und es möglich sein, ihn zu denken und zum anderen ihn aussprechen zu dürfen. Jeder Gedanke, der geteilt wird, wird besprechbar und damit leichter, wenn er auf offene und verständnisvolle Ohren stößt. Dieser Rückschluss bedeutet nicht, dass die Kinder die Erziehungsstellen- oder Pflegefamilie in Frage stellen oder dass sie tatsächlich zurück zu ihrer leiblichen Mutter wollen, da es bekannte gute Gründe für ihre Inobhutnahme gibt. In der Phantasie jedoch, in der Allmacht möchte doch jedes Kind liebevoll umsorgt in der eigenen Herkunftsfamilie groß werden, mit dem grundlegenden Gefühl von: herzlich willkommen auf dieser Welt, wir freuen uns sehr, dass du endlich da bist. Wir werden dich beschützen, umsorgen, ernst nehmen und wertschätzen. So wie du bist, bist du richtig.

Tipp von Context e.V.: Muttertag und andere Feiertage mit Erziehungsstellen- und Pflegekind

Auch beim Thema Muttertag gilt -wie für alle „Feiertage“-, dass diese für Erziehungsstellen- und Pflegekinder eine besondere Form der Herausforderung beinhalten können. Dies wird meist schon im Vorfeld angestoßen durch die gut gemeinten Vorbereitungen von kleinen Bastelgeschenken „für die Mama“ in Kita und Schule.

Seien sie als Erziehungsstellen- und Pflegeeltern einfach aufmerksam und offen, sprechen sie ihr Kind an, wenn sie das Gefühl haben, dass es bedrückt oder traurig wirkt. Wichtig ist, dass sie wirklich mit all ihren Poren signalisieren: egal, was dich bedrückt, ich halte das aus, was du mir zu erzählen hast.

Sollte sie jedoch einmal ein ausgesprochener Satz kränken oder falls sie in dem Moment nicht angemessen reagieren können, sagen sie, dass sie darüber nachdenken wollen und/ oder gerade noch keine passende Antwort haben. Auch sie dürfen sich Zeit nehmen.

Sprechen sie mit ihrer Fachberater:in und/oder vertrauten Menschen darüber. Schauen sie, welche Gefühle, Ängste oder Sorgen ihre eigenen sind und welche die des Kindes. Anschließend können sie das Gespräch nochmals aufgreifen und sich gegebenenfalls bei dem Kind für das unpassende Verhalten entschuldigen. Frei nach Karl Valentin: Wir müssen unsere Kinder nicht erziehen, die machen uns eh alles nach!

Sie haben Interesse an weiteren pädagogischen Themen? Erfahren Sie hier mehr über die Feuererziehung von Kindern: Kinder und Feuer

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