Manches Verhalten von Erziehungsstellenkindern wirkt auf den ersten Blick unverständlich, widersprüchlich oder sogar provozierend. Es kann wütend machen, hilflos zurücklassen oder Zweifel auslösen.
In unserer Serie „Gute Gründe“ nehmen wir diese Momente in den Blick – und fragen bewusst nicht zuerst nach Regeln oder Lösungen, sondern nach dem „Warum?“. Denn für die Kinder selbst gibt es immer einen guten Grund. Auch dann, wenn er weh tut oder schwer auszuhalten ist.
Liebe Lesende,
heute möchte ich Ihnen das Erziehungsstellenkind Lina vorstellen. Lina ist 8 Jahre alt, zierlich für ihr Alter. Sie hat strahlend blaue Augen, kleine braune Locken rahmen ihren Kopf ein und wippen, wenn sie geht. Ihre Lieblingsfarbe ist blau, jetzt zu Karneval verkleidet sie sich natürlich als Elsa von Frozen. Eine Prinzessin in einem blauen Kleid zu sein, ein Traum – schon seit Wochen hüpft Lina freudig mit ihrem Kostüm durch die Wohnung der Erziehungsstellenfamilie. Lina lebt bei Anja, einer Einelternfamilie. Die beiden sind ein eingespieltes Team, weil Lina seit ihrem dritten Lebensjahr bei Anja wohnt. Erziehungsstellenmutter Anja achtet sehr auf einen strukturierten Alltag für beide, dies schafft – meistens – Sicherheit und Geborgenheit. Wöchentlich kommt die für die Familie und Lina zuständige Fachberatung von Context e.V. zu Besuch. Doch gerade bei der Beratung diese Woche ist etwas anders.
Anja und Lina waren am Wochenende in Bochum das Musical Starlight Express anschauen. „Richtig toll“, berichten beide. Und dann ist Lina abends nach dem Abendessen in ihr Zimmer zum Spielen gegangen, wie immer. Anja schaute nach ihr, weil es Zeit für die abendliche Routine, Zähneputzen, Buch lesen, etc. war. Sie fand Lina still in ihrem Zimmer vor. In der einen Hand ihr geliebtes Elsa-Kostüm und in der anderen Hand eine Bastelschere. Das Kostüm war zerstört. Auch ein paar der braunen Locken lagen auf dem Boden. Lina sprach nicht, starrte in den Raum.
Die Erziehungsstellenmutter hätte wütend reagieren können. Sie hätte schimpfen können oder ihre Fassungslosigkeit zeigen können.
Aber Anja entschied sich in diesem Moment dazu, Lina die Sachen aus der Hand zu nehmen, ruhig alles einzusammeln, was auf dem Boden lag und Lina bettfertig zu machen. Der Anruf an ihre persönliche Fachberatung erfolgte kurz, nachdem Lina schlief. Der Fachberatung gegenüber kann sich Anja wütend, traurig und fassungslos zeigen. Hier wird ihr der Raum gegeben, sich so zu fühlen, sie kann ihre Sorgen und Ängste besprechen.
Manchmal fühlt sich die Arbeit mit Erziehungsstellenfamilien und den Kindern tatsächlich wie ein kleiner Detektivfall an. Auslöser für Handlungen erkennen, zum Beispiel. Wie Hobbydetektive gehen Anja und die Fachberatung den Tag durch. Was könnte passiert sein? Was hat Lina dazu bewegt, ihr geliebtes Kostüm und ihre Locken, auf die sie so stolz ist, zu zerschneiden? Um dies eventuell zu verstehen, müssen wir in Linas Vergangenheit schauen.
Bei Lina liegen mehrere Diagnosen vor. Eine Bindungsstörung, eine Traumafolgestörung sowie eine Deprivation im Kleinkindalter sind nur Teile davon, die davon zeugen, was Lina in den ersten drei Lebensjahren erfahren hat. Oder eben nicht erfahren durfte.
Und dann kommt er: Der Tag an dem alles wunderschön ist. Wo die tollen Kostüme der Schauspieler beim Musical so fantastisch sind, die Musik so schön und gefühlvoll und ein glückliches Ende folgt.
Und manchmal ist dies zu viel für Lina. Die Gefühle, die Reize, die vielen positiven Stimmungen. Das Glücksgefühl. Es ist vermutlich unerträglich für sie.
Was unser Erziehungsstellenkind Lina tut, nennt sich „Übertragung“. Übertragung bedeutet, dass alte Gefühle/Beziehungsmuster auf aktuelle Personen übertragen werden. Dies kann, muss hier aber nicht vorliegen. Vielmehr geht es um „Regulation“, da Lina die intensiven Gefühle nicht zu verarbeiten weiß. Lina versucht, ihr inneres Stressniveau zu regulieren und Kontrolle zurückzugewinnen.
Lina hat also einen guten Grund, ihr Lieblingskleid zu zerschneiden. Und irgendwann wird Lina zusammen mit ihrer Erziehungsstellenmutter Anja durch wiederholtes Durchleben ihres Misstrauens und ihrer Angst neue Erfahrungen kreieren. Und deswegen bestellt Anja kurzum ein neues Kostüm. Anja ersetzt das Kostüm nicht als Belohnung, sondern als Zeichen von Versorgung – und bespricht mit Lina behutsam, wie sie beim nächsten Mal Hilfe holen kann, wenn ihre Gefühlswelt auf Kopf steht.
Fachlicher Kommentar 2026:
Aus der Traumapädagogik und der Bindungsforschung wissen wir heute noch klarer: Wenn Kinder Dinge zerstören oder sich plötzlich anders verhalten, steckt dahinter häufig der Versuch, innere Anspannung zu regulieren oder Kontrolle zurückzugewinnen. Herausforderndes Verhalten ist selten „Absicht“, sondern Ausdruck von Stress, Überforderung oder belastenden Erfahrungen. Verlässliche Bindung, klare Grenzen und Co-Regulation bleiben dabei zentrale Elemente, um Kinder in solchen Situationen zu unterstützen.
Alle Artikel aus dieser Serie:
Gute Gründe – Maria – Erster Artikel der Serie
Gute Gründe – Lina – Februar 2023
Gute Gründe – Paul – März 2023
Gute Gründe – Luca – April 2023
Gute Gründe – Elias + Emma – Mai 2023
Sie möchten mehr aus dem Leben unserer Erziehungsstellenfamilien erfahren? Hier finden Sie einen ganz persönlichen Erfahrungsbericht.
09. Februar 2026
15. Dezember 2025
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